Skin-Terror
 – Der sichere Weg seine Haut zu ruinieren

5.September.2015

Schon während meines Medizinstudiums in Tübingen hat mich unser Professor der Hautklinik beeindruckt, als er uns eindrücklich darauf hingewiesen hat, dass tägliches Duschen keineswegs eine Wohltat für unsere Haut ist. Ein weiterer Satz von ihm, der sich fest in mein Gedächtnis eingebrannt hat, war: „Wenn Sie noch keinen Fußpilz haben, bekommen Sie ihn hundertprozentig unter den Desinfektionsdüsen der Schwimmbäder.“

In dem Buch „Rundum Haut“ von Günter Burg und Michael L. Geiges (ISBN (13) 978-3-907625-24-8) habe ich einen Artikel von Günter Burg zu diesem Thema gefunden, der mir so gut gefallen hat, dass ich ihn hier ausschnittsweise in mehreren Abschnitten zitieren möchte.

Prof. Dr. Dr. h. c. ist ehemaliger Direktor der Hautklinik am Universitätsspital in Zürich. In seinem Artikel beschreibt er auf oft sehr ironischer Weise, wie vielfältig die Möglichkeiten während eines normalen Tagesablaufes sind, unsere Haut zu schädigen:
„Das Ritual der Morgentoilette wird eingeleitet durch den harten Strahl aus vertikalen, horizontalen und wie auch immer raffiniert angeordneten Brauseköpfen und bringt unser Äußeres so richtig auf Trab, in der Vorstellung, dass auch die inneren Geister sich so langsam in die Realität des Arbeitstages bewegen. „Tritt frisch auf…“ lautet die Devise frei nach Luther, und der Schaum des „medizinisch geprüften“ Duschgels frisst sich zwischen die Hornzellen der Oberhaut und öffnet mit chemischer Kraft alle Poren. Eine Zeitlang spielt sie mit, unsere geduldige Haut, und repariert sogar nachsichtig alle hygienischen Peitschenhiebe, bis sie rebelliert und mit Brennen, Rötung, Nässen und Krustenbildung meist an Stamm, Armen und Beinen den Erfolg der Ekzembemühungen vermeldet.
Die selbstzerstörerischen Möglichkeiten einer kultivierten Morgentoilette gehen aber noch viel weiter. Nach der duschigen Hautentfettungsprozedur läßt die moderne kosmetische Industrie keine Wünsche offen, mit Wassern, Lotionen und Tinkturen die Gründlichkeit dieser Prozeduren zu maximieren.
Es erscheint fair und folgerichtig, die so geschundene Haut wieder zu versöhnen, wobei die Industrie mit Cremen und Salben in allen Duftschattierungen unsere Bemühungen hilfreich unterstützt. Salbengrundlagen, mehr oder meist weniger deklarierte Konservierungs- und Duftstoffe eröffnen ausgezeichnete Voraussetzungen, durch die willfährig gemachte Hautbarriere zu den sogenannten Antigen-präsentierenden Zellen der Oberhaut vorzudringen, und damit die Kaskade der Allergisierung einzuleiten, als deren Krönung ein allergisches Ekzem dem Anwender keinen Zweifel an der Richtigkeit seiner Strategie lässt.
Wenn es auch nicht immer zu dieser Entwicklung kommt, so bleibt doch noch die Möglichkeit, dass nach überstandener Nachtcreme die morgendlich zu applizierende Tagescreme bei regelmäßiger und ausgiebiger Anwendung eine sogenannte periorale – um den Mund – gelegentlich aber auch als periorbitale Varinate um die Augen lokalisierte – akneartige Dermatitis generiert.
Das Zupfen der Haare in den Achselhöhlen oder Entfernen derselben an den Beinen mit „Jumbo-Kleber“-artigen Wachsen vermittelt neben Erleichterung nach erfolgter Prozedur das wundervolle Gefühl eines offenen Gastgebers, der seine Poren öffnet für die zahlreichen Bakterien, die zur Entwicklung von Haarbalgentzündungen und Schweißdrüsenabszessen führen.
Das Kopfhaar – soweit in ausreichender ordnungsbedürftiger Üppigkeit vorhanden -erfordert weitere chemische Bearbeitung im Rahmen der Haarwäsche, bei der die strukturgebenden Disulfidbrücken vorübergehend gespalten werden. Die wenigen Minuten bis zur Wiederherstellung der strukturgebenden chemischen Konfiguration sind durch Einrollen, Brennen, Flechten , Biegen und Brechen ausgiebigst zu nutzen, bevor die brandheiße Luft der Fönhaube dem gestylten Frisurenzauber die erforderliche Sicherheit gegenüber der wettermäßigen Unbill des Tages verleiht. In ausreichend intensiver Manier betrieben, gesteigert durch Bleichen und Färben, ergibt sich hieraus die unglaubliche Aussicht darauf, die Zeit für diese aufwändige Prozedur in Zukunft einsparen zu können, da sich das Haar irgendwann mit Befremden abwendet und nicht nur in täglichen Hundertschaften – wie normal – sondern in Tausendschaften seinen Träger für immer verläßt.“

Unsere Haut ist ein höchst ansehnliches, funktionstüchtiges und lebenswichtiges Organ. Sie verdient Sorgfalt und Pflege und keinen „Skin Terror“. Wir müssen uns wohl die Frage stellen, ob wir nicht allzu gerne den Versprechungen von hübschen Schauspielerinnen und Top-Models glauben, die uns Schönheit und ewige Jugend versprechen – nehmen wir nur die richtigen Cremes und Lotionen.
Vor ein paar Tagen habe ich in der Zeitung gelesen, dass Julia Roberts nur Wasser und Seife an ihre Haut lässt – das Ergebnis kann sich auch sehen lassen.
Eines aber ist gewiss: zeigen sich bereits die ersten Anzeichen einer Allergie, sollte man alle verwendeten Pflegeprodukte auf den Prüfstand stellen: brauche ich sie wirklich, welche Inhaltsstoffe enthalten sie, könnten sie die Auslöser meiner Allergie sein?